
Und doch ...
Da stehen sie nun, sie und ihr Mann. Ihr Vater ist mit 99-jährig ganz unerwartet verschieden. Eben haben sie im Krematorium zum letzten Mal Abschied von ihm genommen. Es war schwer für sie.
Seit er im Altersheim war, haben sie ihn zwar nicht mehr oft besucht. Am häufigsten noch im Spital, wo er mit 78 und mit 83 nach einem Schlaganfall eingeliefert, mit 86 einer Hüftoperation unterzogen worden war und mit 92 infolge eines Sturzes ein Bein und einen Arm gebrochen hatte. Und natürlich waren sie auch in allen Reha-Kliniken kurz bei ihm. Nach jedem Vorfall versicherte ihnen der Oberarzt, dass jetzt alles in Ordnung war, gut eingestellt, und er wohl ein biblisches Alter erreichen würde! Und seit er den Star operiert und ein Hörgerät hatte, konnte er ja auch problemlos fernsehen und Kreuzworträtsel lösen. Und ausser dass er ein bisschen vergesslich geworden war, war er geistig topfit. Und in dieser schönen Gesellschaft von Gleichaltrigen würde er sicher nicht vereinsamen. Und das liebe Personal trug äusserst freundlich und hilfsbereit zu seinem Wohlbefinden bei …
Und doch ist er schliesslich ganz unerwartet eines Nachts verschieden. Erst am Morgen sind sie vom Altersheimsgeistlichen taktvoll benachrichtigt worden. Ob er ihnen beistehen könne, hat er sie gefragt.
Schweigend stehen sie nun da. Sich völlig hilflos fühlend. Und langsam wird ihnen klar, dass sie an etwas Unmögliches geglaubt haben.
© Chandra Mäder
