Unter der Gürtellinie 10

Kinderzeichnungen

„Gestern habe ich mir beim KiZeMarkt eine gekauft, die hat aber nur knapp eine Stunde angehalten. Und danach wars mir erst noch kotzübel.“

„Ja klar, der KiZeMarkt kauft sie in Tasumali ein. Dort werden die armen Kinder zum Malen gezwungen, müssen hungern und werden geschlagen.“

„Ja, da bezahle ich hier doch lieber ein bisschen mehr. Hier kriegt man schliesslich einheimische Ware!“

„Hier könnte allerdings auch sein, dass von ausgebombten Flüchtlingskindern in Durchgangsheimen produziert wurde. Man weiss ja, dass bei solcher Ware die von uns geforderte Glücksenergie nur sehr spärlich vorhanden ist.“

„Ja, und auch Fälscher treiben heutzutags ihr Unwesen! Letzthin haben sie einen pensionierten Zeichnungslehrer geschnappt, habe ich gehört!“

„Denkst du wirklich, echte Schweizer Kinder produzieren bessere Ware? Wenn die mit superlauter Heavy Metal Musik im Ohr oder neben brutalen Killerserien am TV malen, sprudelt die Glücksenergie wohl auch nicht aufs Blatt!“

„Ich hatte mal richtig gute Ware. Die konnte ich zwei Wochen lang jeden Tag für drei Stunden visuell inhalieren, bevor das Blatt fleckig wurde und zerfiel. Aber die war von der Oberstadt Galerie. Zertifiziert und sauteuer.“

„Naja, ich habe gehört, dass bei wirklich Hochgradigen das Blatt nach der Ablauffrist nur verbleicht und nicht verrottet. Aber die müssen schon sehr selten sein. Und vor allem weiss man’s erst, wenn’s soweit ist.“

„Schau, jetzt hat grad jemand eine gekauft. Seine Augen haben noch den typischen Glanz vom ersten Konsum. Und er hat sie ganz schnell in seiner Mappe versteckt!“

„Ja, klar! Es wird auch täglich gefährlicher mit frischer Ware rumzulaufen.“

© Chandra Mäder

This website uses cookies.