Unter der Gürtellinie 25

Das letzte Ticket

Heute morgen war das letzte Mal dass ich hier war und dem kleinen Mann begegnete.

Das erste Mal war vor drei Monaten gewesen. Ich war zu diesem Schalter gegangen und hatte mein Ticket nach Zürich bei diesem kleinen Mann mit den grossen Augen gekauft. Irgendetwas war merkwürdig gewesen an der Begegnung mit diesem kleinen Mann und seinen grossen ruhigen Augen. Auch als ich am nächsten Tag wieder das Ticket kaufen ging, war er wieder da, dieser kleine Mann mit den grossen ruhigen Augen, der mich so freundlich begrüsste. Diese Woche fuhr ich jeden Tag nach Zürich. Und an jedem Tag war der kleine Mann da. Immer sah er mich freundlich an. Jedesmal begegnete mein Blick dessen grossen ruhigen Augen, die mich so direkt und offen ansahen. Und wenn ich danach wieder nach draussen ging, fühlte ich mich erfrischt.

Nach dieser Woche musste ich nicht mehr nach Zürich fahren. Aber jeden Tag zog es mich zurück zu diesem Schalter, zu diesem kleinen Mann. So kaufte ich eben Tickets zu Orten ganz in der Nähe. Und jedes Mal verweilte ich etwas länger in den grossen Augen des kleinen Mannes, welche mich so ruhig gewähren liessen. Und immer wieder hatte ich nachher das Gefühl, als ob etwas Altes von mir abgefallen war.

Als ich heute kam, wusste nicht, was für ein Ticket ich lösen sollte. So ging ich einfach hin und schaute dem kleinen Mann lange in seine grossen leeren Augen. Plötzlich begann er mit seiner ruhigen, freundlichen Stimme zu sprechen, diesmal mit einem seltsamen Lächeln um seinen Mund: „Du weisst, dass das letzte Ticket gratis ist?“ Erstaunt fragend schaute ich ihn an.

„Heute erhältst du das Ticket zu dir selber“, sagte er.
So verliess ich ihn. Freudige Tränen von Abschied und Ankunft in meinen Augen.

© Chandra Mäder

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