
Ogata, eine Erfolgsgeschichte
Der Name Ogata klang so schön in den Ohren der Mutter, als sie ihr Mädchen taufte.
Da ahnte sie noch nicht, welche Bedeutung dieser Name auf der Welt erlangen würde.
Eines Tages entdeckte die kleine Ogata unter den vielen Schuhen im Vorraum des Klassenzimmers die neuen dunkelbraunen Stiefel ihrer Lehrerin. Und als die Lehrerin dann auch noch das Märchen vom gestiefelten Kater vorlas, war es um Ogata geschehen! Nichts begehrte sie von diesem Moment an mehr als möglichst lange Stiefel zu tragen.
Die Kleine erzählte ihrer Mutter nun jeden Morgen, wie sie im Traum die schönsten Stiefel trug und Abend um Abend wurde sie trauriger, wenn sie sich ihre gewöhnlichen Schühlein auszog. So begann ihre Mutter jeden Schuhladen abzuklappern, bis sie schliesslich entzückende Cowboy Stiefelchen für ihre Tochter gefunden hatte. Ogata war überglücklich, als sie an ihrem sechsten Geburtstag in ihren neuen Stiefelchen zur Schule gehen konnte.
Von diesem Tag an trug sie nur noch Stiefel. Sie wünschte sich von allen Verwandten zu Weihnachten und zum Geburtstag Stiefel und hatte bereits mit vierzehn eine beachtliche Sammlung in allen Farben und Formen beisammen. Sie bewahrte nämlich ihre Stiefel auch auf, wenn sie ihr zu klein geworden oder durchgelaufen waren.
Mit sieben hatte sie auch begonnen Stiefel zu zeichnen und bereits ein Jahr später entwarf sie neue Modelle. Mit vierzehn eröffnete sie ihren Stiefel-Onlineshop und mit ihrem genialen Modell von durchsichtigen Schwimmstiefeln mit Flossenverlängerung gewann sie mit sechzehn einen Erfinderwettbewerb. Auf ihrem Facebook Konto „Ogata’s Stiefel“ erhielt sie mit achtzehn eine Freundschaftseinladung von einem gewissen Benno Stiefel, den sie logischerweise sobald als möglich persönlich kennenlernen wollte und ebenso logischerweise einen Monat nach diesem Treffen heiratete.
Viele Stiefelepochen ihres Lebens wären da noch zu erzählen: da war bereits mit fünfundzwanzig der Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde für die umfangreichste Stiefelsammlung, mit fünfunddreissig die von ihr ins Leben gerufene Universitätsfakultät der Stiefologie, mit einundvierzig das karitative Hilfsprojekt „Stiefel für alle“ und mit fünfundvierzig die Gründung der Stiefelpartei, welche sich zur Aufgabe gemacht hatte, normales Schuhwerk ab 2035 gänzlich zu verbieten.
Mit zweiundfünfzig war sie jedoch so ausgestiefelt, dass sie kurz nach dem Verfassen ihres Testaments verstarb. Dieses äusserst erfolgreiche Stiefelleben hinterliess ihrem Stiefelgatten Benno zwei Stiefelmilliarden und den Auftrag für ein fünfstöckiges Stiefelmuseum. Beigesetzt wurde sie im Beisein der höchsten Stiefelwürdenträger der ganzen Welt in einem stiefelförmigen Holzsarg, was am Friedhofrande von einer zugegeben friedlichen Demonstration normaler Schuhträger beobachtet wurde. Und wenn man auf die Sohle des Grabstiefelabsatzes drückte, las eine wehmütige Stimme das Märchen der gestiefelten Ogata vor.
© Chandra Mäder
